Das Feuer in Iran schwelt weiter
Um dem Tränengas auszuweichen, überquerte die alte Frau vor dem Teheraner Stadttheater den Vali-e-Asr Boulevard. "Lasst euch nicht einschüchtern", rief sie den jungen Demonstranten zu, die vor Polizisten mit Gummiknüppeln und Milizen auf Motorrädern zurückwichen. Da trat ihr ein Geheimagent in die Beine: "Halt das Maul oder ich werde dich erwürgen", schrie er. "Jetzt steh' auf und hau ab."
Keine zwei Tage alt ist dieser Augenzeugenbericht. Wieder hatten am Donnerstag tausende Iraner gegen das Regime protestiert. Auch wenn die Schlägertrupps des Obersten Religionsführers Ali Chamenei mit Gewalt Ruhe schaffen - die Empörung über die manipulierte Präsidentenwahl bleibt.
Die Sympathie für die wenigen Mutigen, die sich immer noch auf die Straße wagen, eint Jung und Alt. Und die Risse im Gebäude der Islamischen Republik werden immer sichtbarer. "Es ist unsere Pflicht, mit den Protesten fortzufahren, um die Rechte des Volkes zu verteidigen", ließ Mir Hossein Mussawi auch diese Woche wieder über seine Website verbreiten.
Bisher hat das Regime nicht gewagt, ihn festzunehmen. Er ist ein Mann des Systems, wichtige Teile des politischen und religiösen Establishments sind daher auf seiner Seite. Etwa die rund 100 Parlamentsabgeordneten, die demonstrativ der Siegesfeier von Mahmud Ahmadinedschad fernblieben.
Die tiefste Krise seit 1979
Die Spitzenkleriker des Landes wiederum distanzieren sich vom Obersten Religionsführer Chamenei. Drei der neun Großajatollahs aus Qom protestierten offen gegen Wahlbetrug und Verhaftungswelle. Außer einem hat bisher keiner aus der religiösen Top-Elite Ahmadinedschad zur Wiederwahl gratuliert - ein offener Affront, wie es ihn bisher noch nie gab.
Dabei hatte die Islamische Republik erst vor sechs Monaten ihr 30-jähriges Bestehen bejubelt. Jetzt steckt sie in der tiefsten Krise, seit Ajatollah Chomeini 1979 den Schah aus dem Land jagte. Inzwischen ist dem Regime nicht mehr nach feiern zumute. Denn jeder offizielle Gedenktag birgt das Risiko neuer Massenproteste.
Das spezifische Ineinander von Religion und Politik zeigt absurde Auflösungserscheinungen. Freitags predigen die Größen des Regimes als Willen Allahs unerbittliche Härte gegen Demonstranten. Wochentags lassen sie systematisch allen die Wohnung verwüsten, die aus Protest von ihrem Balkon "Allah ist groß" rufen. Doch Mussawi kalkuliert darauf, dass der iranische Gottesstaat auf absehbare Zeit Versammlungen wieder zulassen muss, will er sich nicht als Gesellschaftssystem aufgeben. Auch Internetblockaden und SMS-Blackouts lassen sich nicht durchhalten, ohne schwere wirtschaftliche Nebeneffekte zu erzeugen.
Doch momentan herrscht erzwungene Stille. Das Feuer des Protests ist übergegangen in einen Schwelbrand. Die Legitimitätskrise des Systems wird weitergehen, die geistlichen Machthaber haben ihre Aura der Unangreifbarkeit verloren. Und ihr Präsident Ahmadinedschad ist vom Sprecher gegen die Dominanz des Westens zu einem grinsenden Politbetrüger mutiert, der auf seine eigenen Landsleute schießen lässt.
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