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"Weine nicht, für die Freiheit müssen wir Opfer bringen"

image "Weine nicht, für die Freiheit müssen wir Opfer bringen"

Tausende Oppositionelle protestieren auf Irans Straßen, wieder will die Staatsmacht sie mit Gewalt verdrängen. Der Kampfgeist sei trotzdem ungebrochen, berichten Augenzeugen. Sie hoffen auf die größten Proteste seit den Wahlen im Juni.

In Tränen aufgelöst rief eine Iranerin aus Schweden beim "Persischen Radio" an: Ihre Schwester sei von Sicherheitskräften in Teheran zusammengeschlagen worden, staatlich organisierte Schläger hätten Hunderte Demonstranten in die al-Schavad-Moschee getrieben. Am Telefon berichtete die Schwester noch von ihrer Angst vor den brutalen Gefängnissen - dann sei die Verbindung abgerissen.


Kaum hatte die Radiohörerin ihren Bericht beendet und aufgelegt, wurde ihr Ausbruch von Hunderten Twitter-Nutzern kommentiert: Jammern nütze gar nichts, dies sei der Moment, um Mut und Stärke zu beweisen. "Weine nicht, für die Freiheit müssen wir Opfer bringen", twitterten viele.

Der Kampfgeist der iranischen Widerstandsbewegung scheint Mittwochmittag tatsächlich ungebrochen, auch wenn zu diesem Zeitpunkt wohl schon mehrere Demonstranten verhaftet und Dutzende durch prügelnde Sicherheitskräfte verletzt worden sind. Wie schon bei vorherigen Protesten gegen das Teheraner Regime informieren sich viele über Alternativ-Medien zur Lage in Iran.

Am Tag vor den lange geplanten Protesten hatte die Regierung noch einmal ein Fax an einheimische und ausländische Medien im Land geschickt: Berichte über nicht genehmigte Kundgebungen am 4. November seien strengstens verboten. Informationen über die Ereignisse in Iran kamen daher vor allem von Internet-Diensten wie Twitter, YouTube oder von Augenzeugen, die bei persischsprachigen Auslandssendern anriefen. Unabhängig überprüft werden konnten sie nicht.

Dass es am Mittwoch zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften kommen würde, war jedoch seit Wochen abzusehen. Jeden 4. November feiert die Islamische Republik die Besetzung der US-Botschaft in Teheran 1979. Zum 30. Jahrestag hatte der Staat besonders ausgiebige Jubelfeiern geplant. Die iranische Protestbewegung, die sich nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen am 12. Juni formiert hatte, erkannte früh, dass die offiziellen Kundgebungen eine seltene Möglichkeit boten, sich zu versammeln - hatten Sicherheitskräfte doch in den vergangenen Wochen jede größere Ansammlung verhindert.

Und so protestierten die Aktivisten am Mittwoch zu Tausenden - nicht nur im gesamten Stadtzentrum Teherans, auch in dem Großstädten Schiras, Täbris, Rascht und Isfahan. Sie stellten sich auf einen langen Tag ein. "Wir werden bis in die Nacht auf den Straßen bleiben, bringt Wasser und Essen", wurden die Demonstranten auf Internetseiten der Reformbewegung zitiert.

Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira mutmaßte, die Proteste könnten die größten sein, die es seit den Kundgebungen unmittelbar nach der Wahl im Juni gegeben habe. Die Schar der Anhänger der unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Hossein Mussawi und Mahdi Karrubi ist offenbar mit der Zeit nicht kleiner geworden.

Polizisten schießen Tränengas in die Menge

Am Vormittag hatte sich mit Karrubi einer der beiden Anführer der Proteste unter die Demonstranten gemischt. Der Geistliche wollte sich durch die Menge bis auf den Haftetir-Platz vorarbeiten, sagte sein Sohn. Die Polizei habe den Präsidentschaftskandidaten jedoch zurückgedrängt. Zwei seiner Personenschützer seien verletzt worden, als die Sicherheitskräfte mit Tränengas in die Menge schossen, erklärte sein Sohn gegenüber dem Radiosender Farda. Mussawi soll laut im Internet verbreiteten Gerüchten unter einem De-facto-Hausarrest stehen.

Den Demonstranten geht es längst nicht mehr nur um die umstrittenen Wahlergebnisse, sondern um eine außenpolitische Neuorientierung Irans. Das zeigen die Slogans, die sie auf den Straßen Irans skandieren. In YouTube-Videos, die offenbar am Mittwoch in Teheran aufgenommen wurden, forderte die Menge mit "Obama, Obama, mit ihnen oder mit uns"-Rufen eine eindeutige Stellungnahme der USA.

Außerdem sagten sie sich vom langjährigen Verbündeten Irans los, indem sie "Tod Russland" sangen. Den staatlich verordneten Slogan des 4. November drehten sie somit einfach um: Anfang der Woche hatte der Chef der iranischen Sicherheitskräfte noch einmal klar gemacht, dass nur zwei Sprechchöre offiziell erlaubt seien - "Tod den USA" und "Tod Israel".

Washington erhöht den Druck auf Teheran

US-Präsident Barack Obama, dessen Regierung derzeit versucht, mit dem Teheraner Regime einen Kompromiss im Streit um dessen Atomprogramm zu finden, hat sich bislang nur sehr vorsichtig zur Protestbewegung geäußert. Washington hatte schon die gewaltsame Niederschlagung der Wahlproteste nur behutsam kritisiert - wohl auch, um die iranische Regierung nicht vor den Kopf zu stoßen. In einer Botschaft, mit der Obama am Mittwoch der Besetzung der US-Vertretung in Teheran gedachte, wurde der Präsident nun deutlicher - vermutlich, um im Atompoker den Druck auf das Regime zu erhöhen.

"Dreißig Jahre lang haben wir gehört, wogegen die iranische Regierung ist. Nun ist die Frage, wofür sie in Zukunft steht", so Obama. Die Welt sei Zeuge des "mächtigen Rufs nach Gerechtigkeit" des iranischen Volkes, "seines mutigen Kampfs für universelle Rechte". Die iranische Regierung müsse entscheiden, "ob sie den Blick weiter in die Vergangenheit richtet oder Entscheidungen trifft, um die Türen zu größeren Möglichkeiten, Wohlstand und Gerechtigkeit für ihr Volk aufzustoßen". Die USA ihrerseits wollten die Vergangenheit hinter sich lassen und eine auf "gegenseitigen Interessen und Respekt" basierende Beziehung zu Iran aufbauen, sagte Obama.

spiegel.de

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